Meine Haltung
Ich habe mir ein kleines Ritual geschaffen, um mich von Erwartungen freizumachen, bevor ich dir begegne. Vor unserer Begegnung dusche ich — und wasche dabei bewusst ab, wie diese Stunde aussehen wird, wer mir begegnen wird, was „richtig“ laufen müsste. Dann räuchere ich manchmal den Raum noch mit Salbei aus und lade die Qualitäten der vier Elemente ein. Nicht, weil ich glaube, dass das etwas bewirkt, sondern weil mir die Geste selbst hilft, mich zu erinnern: frei werden von jedem Bild, wie du zu sein hast.
Das ist mein Ausgangspunkt: Du bist für mich in diesem Moment kein Konzept. Nicht „die Stammkundin“, nicht „ein Fall aus der Fortbildung“ und schon gar nicht „eine Diagnose“ — nicht eine Rolle in einem Ablauf, der schon feststeht, bevor du den Raum betrittst. Du bist der Mensch, der gerade bei mir ist — mit genau den Bedürfnissen, Grenzen und Widersprüchen von heute — nicht denen von letztem Mal.
Ich kenne das Gegenteil aus eigener Erfahrung, als Klient und Seminarteilnehmer: floskelhafte Sätze und eine Heiligkeit, die die Mimik erstarren lässt — das befreiende Lächeln, das einem glasigen Blick weicht. Ein Therapeut wollte mir einmal ganz genau erklären, was ich wo in meinem Körper zu spüren hätte — ohne mir zu glauben, was ich tatsächlich spürte. Ich will das nicht! Ich will dich wirklich sehen, ein echtes Lächeln wagen — keine perfekte Rolle spielen.
Manche in meiner eigenen Ausbildungslinie sehen das anders, und ich schätze sie sehr dafür, wie konsequent sie ihre Position durchdenken. Julio Lambing zum Beispiel beschreibt Tantra-Massage als bewusste Entpersönlichung: Gebende und Empfangende begegnen sich als „Stellvertreter der Götter“. Das ist eine in sich stimmige Haltung. Und ich habe mich bewusst für eine andere entschieden — näher an dem, was der Philosoph Martin Buber die Ich-Du-Beziehung nannte: echte Begegnung zwischen zwei eigenständigen Menschen, nicht zwischen einer Person und einer Rolle.
Auch der Körper ist für mich kein Konzept: Er wird bei mir nicht an einem Ideal gemessen — schlank, muskulös, jung, „normal“ —, sondern als das begegnet, was er ist.
Genauso wichtig ist mir eine offene, undramatische Sinnlichkeit. Deine sinnliche Lust kann in einer Tantra-Massage schon da sein, bevor wir beginnen, sie kann erst wachsen, während wir uns begegnen — oder ganz ausbleiben. Sie darf kommen und gehen wie eine Welle — mal Neugier, mal Wärme, mal Verlangen. Wie sie sich bei dir gerade zeigt, ist genauso richtig.
Wenn wir über Energie, Chakren oder Kräfte sprechen, sage ich oft: Wir verorten Gefühle im Herzen, Intuition im Bauch, Lust im Becken. Das ist vor allem eine geteilte Sprache — ähnlich wie ein Geschenk, das „von Herzen kommt“. Niemand denkt dabei ernsthaft an das Organ, das Blut durch den Körper pumpt. Es ist ein somatisches Bild für dein Erleben. Ich glaube nicht wörtlich an Chakren oder blockierte Energiebahnen, aber ich halte sie für kraftvolle Bilder, gerade dort, wo uns die Worte fehlen. Ich nutze deine Bildsprache, ohne meine Haltung zu verleugnen — und ohne dir meine aufzudrängen.
Ich bin Naturwissenschaftler und Atheist. Trotzdem — oder gerade deshalb — teile ich eine Art von Spiritualität, wie sie etwa Carl Sagan beschrieben hat: keine, die einen Gott braucht, sondern eine, die im genauen Hinsehen und der Bewunderung der Welt entsteht. Douglas Adams hat das für mich einmal auf den Punkt gebracht: „Genügt es denn nicht, dass ein Garten schön ist, ohne dass man unbedingt glauben muss, dass Feen darin hausen?“ In meinem Raum hängt Carl Sagans Bild von der Erde als „blassblauer Punkt“ — gesehen aus Milliarden Kilometern Entfernung, kaum mehr als ein Staubkorn im Dunkeln, und genau deshalb umso erstaunlicher, wie viel Leben und Menschlichkeit darauf Platz hat.
Dieselbe Bescheidenheit gilt für mich auch für die Geschichte der Tantra-Massage: Ich nenne sie nicht „uralte indische Tradition“. Das wäre nicht wahr — und macht sie für mich nicht weniger wertvoll, nur ehrlicher. Sie ist eine moderne Praxis, entstanden im Westen, geprägt von vielen Quellen, darunter auch queere Sexualpädagog:innen, deren Beitrag zu Techniken wie der Lingam- und Yoni-Massage gelegentlich unterschlagen wird. Das geheimnisvolle Indien als die eine Quelle ist eher Klischee als Herkunft — mehr Projektion als Wirklichkeit.
Rituale können sehr kraftvoll sein — mein eigenes Duschritual ist ein Beleg dafür, wie sehr mir das selbst hilft. Aber die Rituale, die ich mit dir teile, sollen nie ein festgelegter Ablauf sein. Manchmal entsteht mit einem Menschen über mehrere Begegnungen etwas ganz Eigenes. Eine Klientin hat das in ihrem eigenen Feedback beschrieben: dass ich ihre Lieblingsmusik starte und sie berührt, dass ich mich daran erinnert habe. Solche Details bleiben zwischen uns.
Genau darum geht es mir bei diesem Ritual: nicht, um eine Rolle anzuziehen — sondern um sie abzulegen. Das ist auch, was ich in meiner Gestalt-Ausbildung lerne: eine Unsicherheit zu kultivieren — nicht vorher zu wissen, was passieren wird, und genau dadurch ganz bei dir zu bleiben. Damit am Ende nur das übrig bleibt, worum es mir wirklich geht: nicht ein Konzept, sondern Du und Ich im Hier und Jetzt.
